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Die Zeit des beginnenden Wirtschaftswunders

Die Fünfziger Jahre sind untrennbar mit dem Begriff des Wirtschaftswunders verflochten. Es ist die Zeit des Aufbruchs, des wirtschaftlichen und sozialen Aufstiegs Deutschlands. Eine Zeit der Petticoats, Jukeboxes, Motorroller und Fernsehgeräte, von denen es damals aber erst einige Tausend gab. Das führte dazu, dass Kneipen, die mit einem solchen neumodischen Ding ausgestattet waren, am Abend der WM-Übertragung das Geschäft ihres Lebens machten - so viele hatten sich eingefunden um vor den kleinen Schwarz-Weiss-Geräten mitzufiebern.

Für breite Schichten der Bevölkerung verbessern sich die Lebensverhältnisse dank erheblicher Lohnzuwächse und einer aktiven staatlichen Sozialpolitik. Alltag und Konsumverhalten verändern sich deutlich. Gegen die Wohlstandsorientierung der Erwachsenen protestiert die Jugend, die ihr Lebensgefühl im Rock 'n' Roll ausdrückt.

Der wachsende Wohlstand verändert Wünsche und Lebensgewohnheiten der Konsumenten. Das Einkommen kann zunehmend für früher unbezahlbare Luxusgüter ausgegeben werden. Elektrische Haushaltsgeräte und das eigene Auto stehen an der Spitze der Wunschlisten. Eine Urlaubsreise wird zum erschwinglichen Freizeitvergnügen. Von den Anfängen des Massentourismus werden zunächst die inländischen Ferienorte erfaßt. Die zunehmende Motorisierung fördert nicht nur den Drang zu touristischen Fernzielen, sondern auch den Individualreiseverkehr. Protest gegen den "Wohlstandsmief" und den Lebensstil der Erwachsenen äußert die Jugend. Sie sucht nach neuen Leitbildern. Coca-Cola, Jeans und Rock 'n' Roll sind Ausdruck ihres Lebensgefühls. Eine neue, amerikanisch geprägte Jugendkultur entsteht.

Trotz aller Warnungen vor den negativen Folgen für das Familienleben steigt die Erwerbsquote verheirateter Frauen und Mütter, die dazu noch die Erlaubnis ihres Ehemannes benötigten. Häufig arbeiten sie als Hilfsarbeiterinnen für geringen Lohn und müssen die Doppelbelastung in Familie und Beruf tragen. Die Rolle der Frau als Hausfrau und Mutter wird weiterhin verklärt, ihre rechtliche Benachteiligung schrittweise abgebaut.

 

Chronik des Jahres 1954

Januar

• In Duisburg werden die ersten Parkuhren der Bundesrepublik aufgestellt.

• Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) mit Sitz in Köln geht erstmals auf Sendung.

• Die Kunstbibliothek der ehemals staatlichen Museen Berlins wird nach Rückerstattung durch die westlichen Alliierten in West-Berlin wiedereröffnet.

• Außenminister-Konferenz der Vier Mächte verhandelt in Berlin über die Wiedervereinigung Deutschlands, doch ohne Erfolg.

• Der ADAC (Allgemeine Deutschen Automobil Club) setzt sein erstes Fahrzeug für die Pannen-Sofort-Hilfe in Deutschland ein.



Februar

• Der Maler Max Liebermann eröffnet in Hannover erstmals seit 1927 eine umfassende Ausstellung seiner Werke.

• Uraufführung des Films "Die letzte Brücke" von Helmut Käutner (1908-1980).

• Der Bundestag beschließt die erste Wehrergänzung zum Grundgesetz. Dieses erste Wehrverfassungsgesetz regelt die Zuständigkeit des Bundes in Verteidigungs-, Wehrpflicht- und Zivilschutzangelegenheiten und gibt damit dem Bund das Recht zur Gesetzgebung über die Verteidigung einschließlich der Einführung einer allgemeinen Wehrpflicht.



März

• Uraufführung der Zwölftonoper "Moses und Aron" von Arnold Schönberg in Hamburg.

• Bayern beschließt als letztes Bundesland das Ende der Entnazifizierung.

• Die Sowjetunion erkennt die Souveränität der DDR an.

• Die DDR beginnt in Aue mit dem Bau des ersten Atomkraftwerkes.



April

• In Ludwigshafen gewinnt der VfB Stuttgart das deutsche Pokalendspiel gegen den 1. FC Köln.

• In Genf tagt die Fernost-Konferenz über die Korea-Frage und die Beendigung des Indochina-Krieges.

• Mit der Konstituierung des Vereins "Abendländische Kunst des 20. Jahrhunderts" wird der Grundstein für die "documenta" gelegt, die sich als feste Institution innerhalb der Kunstszene und Forum für neue Kunstformen etabliert und alle vier bis fünf Jahre 100 Tage lang Schlüsselwerke der internationalen Moderne präsentiert.



Mai

• Die letzte Bastion Frankreichs in Indochina (Dien-Bien-Phu) fällt. Am 21. Juli endet die französische Kolonialherrschaft in Indochina.

• Als Gedenkstätte für die Opfer der beiden Weltkriege wird in Köln das Mahnmal der "Trauernden Eltern" nach Entwürfen von Käthe Kollwitz aufgestellt.



Juni

• Einrichtung einer Bundesprüfstelle zur Beachtung des Gesetzes über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften.

• Konstituierung des Kuratoriums "Unteilbares Deutschland, Volksbewegung für die Wiedervereinigung" aus 128 führenden Vertretern aller Gebiete des öffentlichen Lebens.

• Erstmals wird in der Bundesrepublik Deutschland der "Tag der deutschen Einheit" als gesetzlicher Feiertag begangen.



Juli


• Mit einem 3:2 Sieg über Ungarn wird die Bundesrepublik in Bern Fußballweltmeister.

• In Leipzig findet zum ersten Mal der Evangelische Kirchentag statt.

• Theodor Heuss wird in West-Berlin erneut zum Bundespräsidenten gewählt.



August

• Uraufführung der Oper "Penelope" von Rolf Liebermann (1910-1999) in Salzburg.

• Wiedereröffnung des Goethe-Museums in Frankfurt/Main.

• Gründung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft scheitert an der französischen Nationalversammlung.



September

• Auf der Londoner Neunmächte-Konferenz wird die Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland und Italiens in den Fünfmächtepakt (Brüsseler-Vertrag vom 17. März 1948) und in die NATO empfohlen.

• Als erste deutsche Familienserie im Fernsehen geht "Unsere Nachbarn heute abend: Familie Schölermann" auf Sendung.



Oktober

• Neuausgabe der satirischen Zeitschrift Simplicissimus, die 1944 ihr Erscheinen eingestellt hatte.

• Deutsche Erstaufführung des Theaterstücks "Der kaukasische Kreidekreis" von Bertolt Brecht in Ost-Berlin.

• Auf der Viermächtekonferenz der drei Westmächte mit der Bundesrepublik werden der Deutschlandvertrag neu gefaßt, die Beendigung des Besatzungsregimes geregelt und Sicherheitsgarantien für West-Berlin bekräftigt.

• Die 15-Mächte-Konferenz lädt die Bundesrepublik zum Eintritt in die NATO ein und erkennt ihren Alleinvertretungsanspruch an.

• In der Zwei-Mächte-Konferenz zwischen Frankreich und der Bundesrepublik wird das Saarstatut unterzeichnet, das für das Saarland politische Autonomie bei wirtschaftlicher Bindung an Frankreich vorsieht.



November

• Offizieller Beginn des ARD-Gemeinschaftsprogramms.

• Ausbruch des Algerienkrieges im französischen Überseegebiet Algerien, der 1962 mit der Anerkennung der Unabhängigkeit Algeriens endet.

• Gründung der Deutschen Hochschule für Film in Potsdam-Babelsberg.

• Kindergeldgesetz über Gewährung von Kindergeld und Errichtung von Familienausgleichskassen in der Bundesrepublik.

• Der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker Wilhelm Furtwängler stirbt in Baden-Baden. Sein Nachfolger wird Herbert von Karajan (1908-1989).



Dezember

• Verleihung der Nobelpreise: Max Born und Walther Bothe (1891-1957) erhalten den Nobelpreis für Physik. Ernest Hemingway erhält den Literaturnobelpreis.

• Der Rechtsausschuß des Bundestages lehnt es ab, unverheirateten Frauen die Anrede "Frau" für den Umgang mit Behörden zuzugestehen. Damit bleibt die Bezeichnung "Fräulein" im amtlichen Sprachgebrauch gültig.

• Auf der Konferenz der Vertreter der DDR, Polens und der Tschechoslowakei in Prag wird der gemeinsame Schutz der Unantastbarkeit der Grenzen der drei Staaten beschlossen.



Außerdem:


• Heinrich Böll veröffentlicht seinen Roman "Haus ohne Hüter"

• Bill Haley und seine Band The Comets nehmen das Lied "Rock Around The Clock" auf, mit dem u.a. die neue Musikrichtung "Rock'n Roll" begründet wird. Mit 25 Millionen verkauften Exemplaren ist "Rock around the clock" die bislang meistverkaufteste Schallplatte.

• Wolfgang Koeppen: "Tod in Rom" (Roman)

• Thomas Mann: "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" (Roman)

• In den USA erfinden Wissenschaftler die Silicium-Solarzelle zur direkten Umwandlung von Sonnenlicht in elektrischen Strom.

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