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Klappentext
Kaum ein
Ereignis hat das Nachkriegs-Deutschland so sehr bewegt wie
die Fußball-Weltmeisterschaft von 1954.
„Wir sind wieder wer!“, jubelten Millionen Deutsche
und lagen sich nach dem unglaublichen Sieg über Ungarn
weinend in den Armen. Es war die erste Fußball-Weltmeisterschaft,
die von einer deutschen Mannschaft gewonnen wurde, und der
Triumph kam völlig unerwartet.
Der Roman begleitet den Weg Sepp Herbergers und seiner „Helden
von Bern“, die das scheinbar Unmögliche möglich
machten. Aufgewachsen unter ärmlichen Verhältnissen
in einer Arbeitersiedlung, avancierte Herberger zunächst
zum gefeierten Nationalspieler und schließlich zum charismatischen
Fußballtrainer. Sein größter Wunsch: ein
Weltmeisterschaftsgewinn. Sein größtes Glück:
die Entdeckung des „Fußballzauberers“ Fritz
Walter.
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Leseprobe
I.
Nicht immer war der Ball rund …
Mannheim, Spiegelsiedlung 1908
„Und es wird nicht Fußball gespielt, hast du das
verstanden Seppl? Unter gar keinen Umständen.“ Seine
Mutter sah ihn streng an, jedes Wort klar und deutlich betonend.
Alles an seiner Mutter war streng. Das schwarze hochgeschlossene
Kleid aus grobem Stoff, die straff nach hinten gebundenen
Haare und das kantige Gesicht. Noch nie hatte er sie richtig
lachen gesehen. Jedenfalls konnte er sich nicht daran erinnern.
Jetzt saß sie aufrecht und zugeknöpft
am Tisch und blickte ihn durchdringend an. So, wie sie es
immer tat, wenn es um Fußball ging.
Seine Mutter war in der ganzen Siedlung wegen ihrer spitzen
Zunge gefürchtet. Aber ihn betraf das normalerweise
nicht. Er war der elfjährige Nachzügler in der
Familie und wurde von allen geschont. Als seine Schwestern
noch bei ihnen gewohnt hatten, wurde er sogar richtiggehend
verhätschelt. Aber seine Schwestern waren jetzt alle
aus dem Haus und so lastete das volle Augenmerk seiner Mutter
auf ihm und dem, was sie so sehr aufbrachte: Fußball.
Sie hatte ihre Näharbeiten beiseite gelegt und versuchte
mit ihren stechenden Augen zu ergründen, ob ihr Sohn
sie möglicherweise anschwindelte. Sepp saß ihr
gegenüber,
ein Abbild ihrer eigenen Ernsthaftigkeit, Haltung und Undurchdringlichkeit,
obwohl es unter der Oberfläche nur so brodelte. Innen
war er bis zum Zerreißen angespannt.
Es war einer dieser schrecklichen Momente, in dem die Zeit
nur langsam zu vergehen schien, sich hinzog wie Kleister.
Das Ticken der Uhr, das Poltern aus der oberen Wohnung sowie
das leise Schnarchen seines Vaters auf dem Sofa waren die
einzigen Geräusche in der kleinen Wohnung. Er musste
ruhig wirken, als würde ihn nichts bewegen. Davon hing
jetzt alles ab. Und er beeilte sich, ihr zu versprechen, dass
Fußball auf gar keinen Fall zur Debatte stand.
„Nein, Mutter, Ehrenwort!“, sagte er einen Tick zu schnell, hinter
seinem Rücken die Finger gekreuzt.
„Fußball ist roh und ungesund“, schimpfte sie
weiter mit fester Stimme. Ihr war diese neumodische „Engländerei“ ein
Dorn im Auge. Im Grunde genommen war Fußball für
seine Eltern überhaupt kein richtiger Sport.
Seine Eltern ließen auch nicht gelten, dass viele Bessergestellte
aus der Bürgerschicht wie Realschüler und Studenten
schon längst in den noch relativ jungen Vereinen spielten.
Fußball
war nichts für Arbeiter – schlimmer noch: Sie
waren der festen Überzeugung, dass Fußball-Verbände
kriminelle Brutstätten waren. Wer heute Fußball
spielte, geriet morgen schon auf die schiefe Bahn. Und seine
Eltern waren sich gänzlich einig darin, dass sie dies
mit allen Mitteln verhindern mussten.
Er bemühte sich weiterhin krampfhaft um ein undurchdringliches
Gesicht, doch es fiel ihm zunehmend schwer. Seit dem Essen
konnte er an nichts anderes mehr denken als daran, mit seinen
Freunden Fußball zu spielen.
Im Geiste stellte er sich die ganze Zeit vor, wie er allein
gegen die anderen Jungs antrat, den Ball nicht vom Fuß ließ,
als hätte
man ihn dort festgenagelt. Dann, ein fester unnachgiebiger
Schuss … und … Tor!
Sein Herz schlug schneller. Doch erst musste er an seiner
Mutter vorbei, selbst wenn das bedeutete, dass er sie anlügen
musste. Und das fiel ihm alles andere als leicht. Aber es
blieb ihm keine andere Wahl. Seine Mutter hatte ihn anscheinend
einer ausreichenden Prüfung unterzogen.
„Nun gut. Aber pass auf, dass du nichts kaputtmachst. Nicht wie das letzte
Mal … .“ Drohend kreiste ihre
rote, rissige Hand über seinem Kopf, bereit sich blitzschnell
sein Ohr zu packen, um daran zu ziehen und damit ihren
Worten Nachdruck zu verleihen. Sepp duckte sich instinktiv.
Er
wusste genau, was sie meinte.
Das „letzte Mal“ hatte er ein Loch in seiner
Hose gehabt. In der einzigen Schulhose, die er besaß.
Und das war noch schlimmer als Fußball. Seine Mutter
war erst blass geworden – leichenblass. Doch dann trat
die von allen gefürchtete blaue Ader an ihrer Schläfe
hervor, füllte sich langsam mit Blut und wurde dicker
und dicker. Das war wahrlich kein gutes Zeichen. Ehe er
sich versah, hatte ihre Hand sein Ohr gepackt und daran
gezerrt.
„Warte nur ab, bis dein Vater zu Hause ist. Dann gibt es ein Donnerwetter!“ Wütend
hatte sie ihn angesehen. Und Sepp hatte innerlich aufgeatmet. Sein Vater spielte
die Rolle des Bestrafenden nur äußerst ungern. Deshalb fielen
seine „Strafen“, wenn man sie so nennen konnte,
auch immer
äußerst glimpflich aus. Wenn es überhaupt zur
Strafe kam. Viel schlimmer war es, wenn seine Mutter – wie
bei der Sache mit dem Kapellenfenster – die Bestrafung
selber in die Hand nahm. Dann riss sie ihm, während
sie schrie und tobte, die Hose herunter und zielte nach allem,
was sie treffen konnte. Und sie war gut im Treffen! Doch
das hatte ihm nichts ausgemacht. Was ihm aber wirklich wehtat,
war der anschließende Hausarrest. Eine ganze Woche
Hausarrest! Sieben lange Tage, an denen er nicht Fußball
spielen konnte. Lieber hätte er die härtesten Prügel
in Kauf genommen. Und wenn sie ihn grün und blau geschlagen
hätte – alles
besser, als dieser verdammte Hausarrest, der ihm jetzt
erst recht drohte, wenn seine Eltern dahinter kamen, dass
er sie gerade in diesem Moment wieder in aller Unschuld
anlog.
„Ganz
sicher passe ich auf die Hose auf“, bekräftigte
er jetzt inbrünstig. Als wenn die Hose ihn später
noch irgendwie interessieren würde. Er schielte in Richtung
Haustür. Warum musste sie es ihm denn so schwer machen?
Langsam wurde er unruhig. Die anderen Kinder waren bestimmt
schon beim Spielen und wenn er zu spät kam, musste
er erst einmal auf der Reservebank sitzen. So waren die
Regeln.
„Jetzt lass es doch gut sein, Lina …“, brummte
sein Vater, der eben aufgewacht war. Er nahm ihn immer in
Schutz. Besser gesagt, fast immer. Dass Jungen auch mal die eine oder andere
Hose zerreißen konnten, dafür
hatte er Verständnis. Wofür er allerdings ebenfalls
kein Verständnis hatte, war Fußball. Da blieb
auch er streng. Auch in seinen Augen war dieser neue Sport
keine Sportart, der sich Jungs in seinem Alter hingeben
sollten.
Gerade schüttelte ihn wieder ein trockener Hustenanfall.
Seit seiner letzten schweren Erkältung hatte ihn die
Energie verlassen. Selbst jetzt im Sommer schien er sich
nicht erholt zu haben und das Atmen fiel ihm schwer. Nach
der harten Arbeit in der Spiegelfabrik hatte er einfach keine
Kraft mehr. Keine Kraft, um seinem Sohn die Leviten zu lesen
und auch keine Kraft, um seiner Frau zu widersprechen, die
für seinen Geschmack eine Spur zu streng war.
„Ich schau mir deine Schuhe an, Bürschchen! Wenn du wieder kommst!“,
kündigte seine Mutter jetzt an.
„Natürlich die Schuhe“, dachte Sepp und verdrehte leicht die
Augen, sodass es keiner mitbekam. Wenn man nicht auf die Hose aufpassen musste,
dann waren es die Schuhe, die keine Schramme abbekommen durften. Davon gab es
nur ein Paar und eine Besohlung konnten sie sich im Moment nicht leisten. Seine
Mutter kontrollierte seine Sohlen jeden Abend wenn er heimkam. Und wehe, wenn
sie etwas entdeckte, das auf Fußball schließen ließ …
„Lass ihn gehen, Lina!“, forderte sein Vater seine
Mutter noch einmal auf. Resignierend, weil sie wieder einmal
gegen die letzten Worte ihres Mannes verloren hatte, legte seine Mutter die Hände
in den Schoß: „Aber sei
pünktlich zurück!“
Sie seufzte. Josef hätte sie ruhig mehr unterstützen
können, schließlich reichte das bisschen Geld,
was er nach Hause brachte, kaum aus, um alle zu ernähren.
Wenn Sepp jetzt auch noch seine Schuhe kaputtmachte … wovon
sollten sie ihm denn dann neue Sohlen kaufen? Doch es nützte
ja eh nichts. Josef hatte nun mal das letzte Wort, so wie
es in einer anständigen Familie üblich war.
Lina nahm ihre Näharbeiten wieder auf. Damit war Sepp
endlich entlassen und so schnell ihn seine Füße
tragen konnten, verließ er die Enge der Wohnung.
Als die Tür zuschlug, hörte er noch, wie seine
Mutter seinen Vater annörgelte: „Und wann willst
du endlich das Karnickel schlachten? Sollen wir denn am heiligen
Sonntag wieder kein Fleisch auf dem Teller haben …?“
Das Sofa ächzte, als sein Vater schwerfällig aufstand.
Sepp hörte nur noch sein Husten, dann raste er so schnell
er konnte die hölzernen Stufen hinab und zur Haustür
hinaus. Eine unheimliche Leichtigkeit war plötzlich
in seiner Brust. Freiheit.
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Rezensionen:
Augsburger
Allgemeine, 13.09.2003
...Ludwig/Kabus mischen geschickt das, von dem sie wissen, wie
es war, mit dem, von dem sie vermuten, dass es so gewesen sein
könnte. Es ist zu spüren, dass sie vorsichtig darauf
geachtet haben, die Fiktion möglichst mit Fakten abzusichern.
Der Respekt vor den beschriebenen Personen ist immer größer
geblieben als die Versuchung, das Geschehen und die Charaktere
spekulativ zu überzeichnen. [...] Der Aufbau der Handlung
und die Zeichnung der Charaktere durch die Einbindung in typische
Szenen, das ist ihnen gut gelungen... |
Allgemeine
Zeitung Mainz, 6.11.2003
...ein angenehm zu lesender Tatsachenroman ... einfühlsam
wird das Innenleben des stoischen Herberger nach außen
gekehrt, sein faszinierender Charaktermix aus Gewitztheit, Motivationskunst
und Empfindsamkeit. |
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Bild
Woche, Nr. 47
Spannend wie ein Thriller!
Sportbild, 6.10.2003
Ein spannender Tatsachenroman ... Bewertung 4/5 Punkte
Pforzheimer
Zeitung, 13.11.2003
Er [der Roman] ist eine einzigartige Dokumentation der
Zeitgeschichte, die gestern wie heute die Menschen in
den Bann zieht. Besonders zu empfehlen.
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