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Sepp Herberger
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Nur die wenigsten wissen, dass Sepp Herberger nicht nur ein begnadeter Fußballtrainer, sondern auch ein eifriger Schreiber war. Während der Recherchearbeiten zu unserem Roman
sind wir auf ca.100 Seiten persönlicher Aufzeichnungen Herbergers gestoßen, die peinlich genau den Ablauf der WM für Trainer und Mannschaft dokumentieren.
Dieses bislang unveröffentlichte Material enthält nicht nur die Spielstrategie für die bevorstehenden Spiele, sondern vor allem auch persönliche Gedanken und Einschätzungen über jedes einzelne Mannschaftsmitglied.

Hier einige Auszüge:

WM-Lehrgang 25.05.1954 in Grünwald bei München:

"[...] Dieser Lehrgang würde für jeden Einzelnen ein Härtetest werden. Sie wußten alle längst darüber Bescheid und hatten sich auch darauf eingerichtet. Jetzt hieß es, über das bisher Erreichte Farbe zu bekennen. Unsere Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft war schon vor Jahren angelaufen und von Anfang an war ihr das Ziel gesetzt und die Aufgabe gestellt. Sie hieß für den einzelnen Spieler, am Tage des Beginns der Weltmeisterschaft topfit zu sein und für mich zum gleichen Zeitpunkt eine spiel- und kampfstarke Mannschaft auf den Beinen zu haben.

Wer vorgesorgt hatte und in guter körperlicher Verfassung war, der würde auch den Anforderunger des Lehrganges gewachsen sein. Wer nicht, dem blieb nichts anderes übrig, als das Versäumte nachzuholen. Schonung konnte es keine geben. Schließlich mussten wir schon in 3 Wochen gerüstet sein, um im knappen Zeitraum von 18 Tagen 5-6 Länderspiele durchstehen zu können.


[...] Für meine Arbeit, Schaffung einer spiel-und kampfstarken Mannschaft, waren die besten Voraussetzungen schon geschaffen. Jeder Einzelne unserer Stammmannschaft war in den zurückliegenden Jahren in Theorie und Praxis mit seinen speziellen Aufgaben im Rahmen der Mannschaft vertraut geworden und hatte darüber hinaus, sich auch mit den Aufgaben der Männer seiner Umgebung vertraut gemacht und bestens mit diesen eingespielt.


[...] Für das Gros der Spieler war der Dienstag als Reisetag angesetzt worden. Hit frohem "Hallo" wurde jeder neu Eintreffende begrüßt und wie das bei jungen und trainierten Sportlern einer Mannschaft so üblich ist, war mit ihrer Ankunft Jubel, Trubel und Heiterkeit auch eingekehrt. Schnell waren die Unterkünfte bezogen, jeder zusammen mit seinem alten Partner und bald war das ZIVIL mit dem TRAININGSDRESS vertauscht. Und was dann noch fehlte, war auch schnell aufgetrieben: Der Ball. Und schon waren auch Spielchen und Spiel arrangiert.


Wenn man jahrelang miteinander durch Dick und Dünn gegangen ist, weiß man um die inneren Zusammenhänge äußerer Verhaltensweisen und kann aus diesen meist zutreffende Rückschlüsse auf Stimmung, Form und Kondition seiner Schützlinge ziehen.

Nach der Art und Weise, wie sie jetzt ihre Spielchen und ihr Spiel aufzogen, sich gegenseitig neckten und austobten, sah man, dass durchweg gute Vorarbeit geleistet worden war. Aber nicht alle waren in bester Laune. Das wäre ja auch der erste Lehrgang gewesen, wenn von vorneherein alles nach Wunsch gelaufen wäre. So gab es auch diesmal wieder einige Männer, die Verletzungen mitgebracht hatten und sich vorerst einmal schonen und zurückhalten mussten.

Unsere Genesungskompanie wies eine stattliche Besetzung auf: Jupp Röhrig, Gunter Baumann und Herbert Schäfer hatte es dabei am stärksten erwischt. Jupp Posipal, Hans Schäfer, Horst Eckel und Karl Mai waren angeschlagen und mussten in den ersten Trainingstagen auf "Schonkost" gesetzt werden. Erich Deuser hatte wieder einmal mehr als alle Hände voll zu tun. Er erledigte dies alles in der von ihm gewohnten Art und der ihm eigenen Meisterschaft. [...] Immer war ein Tross von Spielern in Behandlung auf dem Wege zu ihm oder kamen von dort. Erich war für das Erste wieder einmal mehr die Nummer Eins in meiner Mannschaft [...]."



Herbergers Hotelprospekt

"Unterkunft unserer Fußball-Nationalmannschaft während der Weltmeisterschaft in der Schweiz:

Arbeit und Erholung gehören zusammen. Zum Wellenberg der Arbeit im Training gehört der Wellenberg der Entspannung. Zur Vorbereitung einer Mannschaft gehört eine gute Unterkunft.

[...] Für die Lösung dieser Frage hatte ich einen glänzenden Mitarbeiter. Es war Albert Sing, seit Jahren in der Schweiz als Fußballtrainer tätig und als aktiver Spieler jahrelang Mitglied unserer Fußballnationalmannschaft. [...] Schon sehr bald kam auch die Meldung von ihm, dass er eine Reihe vortrefflich geeigneter Quartiere für unsere Mannschaft gefunden habe.

Ein kurzer Rundblick im Belvedere genügte, um uns davon zu überzeugen, dass Albert Sing eine geradezu ideale Unterkunft für uns ausgesucht und gefunden hatte.
[...] Für eine ausgezeichnete Unterkunft war also gesorgt."
Hotel Belvedere am Thuner See


Rückblick auf die 3:8 Niederlage gegen Ungarn in der Vorrunde der WM:

"[...] Dann ging es zum Training nach Thun.
Welch ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Montag von heute und dem vor 8 Tagen. Damals war kein Zuschauer bei unserem Training zugegen. Allen saß noch der Schock vom 3:8 des Vortags in den Gliedern. Kaum einer hatte zu diesem Zeitpunkt schon erkannt, dass unsere taktischen Maßnahmen im Spiel gegen die Ungarn zugrunde lag. Vermutlich hatten die meisten unserer Anhänger unsere Mannschaft schon abgeschrieben. Die Enttäuschung und der Groll über diese blamable Niederlage waren zu groß. besonders ich war in Ach und Bann getan. Damals schien auch für alle die Route nach Spiez und die Einkehr im Belvedere endgültig gestrichen.
Wir waren allein und verlassen. Nur vereinzelt und ganz wenige hielten uns in jenen Tagen nach dem 3:8 die Treue.

DER SIEG HAT VIELE VÄTER, DIE NIEDERLAGE NUR EINEN!"



Einschätzung des Endspielgegners:

"[...] Die Gruppierung der Spiele für das Achtelfinale in der Schweiz hatte uns Ungarn als Gegner gebracht. Daraufhin von der Presse gefragt, ob ich mir eine Chance gegen Ungarn ausrechne, habe ich entgegnet:
"Bei allem Respekt vor der ungarischen Nationalmannschaft: sie ist auch zu schlagen!"
Diese Aussage stützte sich auf Eindrücke und Erfahrungen, die ich als "Spion" beim Besuch der Länderspiele der ungarischen Mannschaft gesammelt hatte.
Die 3 Gegentore, beim so großartigen Spiel gegen England in London und ebenso die auch von unserer Mannschaft erzielten 3 Gegentore beim Spiel in Basel können durch ihr Zustandekommen geradezu als eine Beweisführung für die von mir vermeintlichen Mängel und Schwächen der gegnerischen Abwehr betrachtet werden."



"Die Tage vor dem Endspiel waren anders als die Tage zwischen den vorausgegangenen Spielen. Es war ruhiger geworden bei uns und unter uns. Das "die putzen wir weg!" lebte und rumorte in jedem Einzelnen unserer Männer, aber sie sagten es nicht und sie ließen nach außen hin erst recht nichts davon merken. Es war so, als ob ein jeder darüber wache, dass die sich angestauten Kräfte in ihrem Wachstum nicht gestört werden und für den Augenblick des Spielbeginns am Sonntag und für die Dauer dessen Ablaufs nicht schon vorher und unnötig angezapft werden.

Der Postzugang war in diesen Tagen schon zu Bergen angewachsen. Längst hatte das Postamt in Spiez Verstärkung erhalten. Das "Belvedere" war zu einem Ziel und Treffpunkt der Fußballer geworden.

[...] In der Freizeit versammelten wir uns zu gemütlichen Plauderstunden, regten und rängelten uns in den Liegestühlen im Garten des Hotels mit seinen unvergeßlich schönen Ausblicken auf See und Hochgebirge.
Jupp Posipal, Werner Liebrich und Max Morlock unterhielten sich und ihre Umgebung mit den neuesten Witzen, forderten mit faulen Kalauern den "hlg. Geist" heraus und vertrieben sich auf ihre Weise die Stunden. Dazwischen gab es Werner Liebrich zu bewundern, der sich gerne am Rande eines der kleinen Forellenbecken einfand und dort mit der Zeit äußerste Geschicklichkeit im Fangen mit der Hand entwickelt hatte."



Gedanken unmittelbar nach dem 3:2-Treffer von Helmut Rahn:

"Was sich im Anschluss an diesem Torgewinn in unseren Reihen tat, lässt sich in Einzelheiten nicht wiedergeben.
Alles stürzte auf den Torschützen, den die Gewalt seines Schusses von den Beinen gerissen hatte. Aus dem Bild der Erinnerung haftet der Ansturm von Hans Schäfer auf den Torschützen, der sich mit einem gewaltigen Satz über ihn warf. Dann setzte sich die gesamte Mannschaft in Richtung des Torschützen in Bewegung.
Ich sehe noch, wie Karl Mai dem über Helmut Rahn versammelten Menschenknäuel auf den Rücken sprang. Es war eine tolle Szenerie. Man konnte ernsthaft Befürchtungen um den Fortbestand der Gesundheit unseres Torschützen haben."


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