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Vom
16. Juni bis zum 04. Juli 1954 wurden die fünften Weltmeisterschaften
nach dem 2. Weltkrieg ausgetragen und Deutschland durfte zum
ersten Mal nach neun Jahren des Ausschlusses wieder teilnehmen.
Einige
Neuerungen begleiteten das Turnier und neben den "Helden
von Bern" oder dem "Wunder von Bern" ist der
"Kampf von Bern" (das Halbfinalspiel zwischen Brasilien
und Ungarn) in die Fußballhistorie eingegangen. Drei
Platzverweise forderte dieser erbitterte "Kampf"
und in der Kabine sollte es in gleicher Manier weitergegangen
sein.
Neu war vor allem das verbindliche Tragen von Rückennummern.
Vier Gruppen mit je vier Mannschaften gingen an den Start.
Die ersten zwei qualifizierten sich für das Weiterkommen.
Bei Punktgleichheit entschied ein Entscheidungsspiel. Obwohl
vier Mannschaften einer Vorrunden- Gruppe angehörten,
spielte jede Mannschaft lediglich gegen zwei Gegner. Die zwei
Mannschaften, die nicht gegeneinander antreten mussten, waren
vorher bestimmt worden.
Herbergers Taktik:
Was vor
allem die Gegner Herbergers in hohem Maße gegen ihn
aufbrachten, war, dass er während des gesamten Spielverlaufs
eine Taktik verfolgte, die für Außenstehende kaum
Sinn ergab. So hatte er sich bereits ausgerechnet, dass er
zwei Spiele in der Vorrunde gewinnen musste, um weiterzukommen.
Gegen
Ungarn hatte die deutsche Mannschaft schon des öfteren
zuvor gespielt, wobei die meisten Spiele dabei verloren wurden.
Außerdem galt Ungarn als Favorit in dieser WM. Aus diesem
Grund rechnete Herberger auch jetzt mit einer Niederlage und
setzte daher beim Spiel gegen Ungarn die Zweitbesetzung ein.
Wenn er bei diesem Spiel nur die zweite Garnitur einsetzte,
würde seine erste Mannschaft ausgeruht ins weitere Rennen
gehen und ein Sieg gegen die Türkei wäre so gut
wie sicher - so seine Planung.
Aus seinen Aufzeichnungen:
"Wir
müssen unser erstes Spiel gewinnen. Wir treffen hierbei
auf die Türkei. Sie ist ein schwer zu schlagender Gegner
[...] Wir sind aber zuversichtlich. Unsere Mannschaft kennt
ihren Gegner und weiß, wie ihm beizukommen ist. Die
nachfolgende Planung geht von einem Sieg unserer Mannschaft
über die Türkei aus. Die Situation ist dabei folgende:
Das Wiederholungsspiel gegen die Türkei ist uns gesichert.
Wir sind
also auch bei einer Niederlage gegen die Ungarn noch im Wettbewerb.
Ich sehe in diesem zweiten Spiel gegen die Türkei eine
größere Gewinnchance für uns, als in unserem
Spiel gegen Ungarn.
Ausgehend
von dieser Annahme, müsste dieses zweite Spiel gegen
die Türkei eine vorrangige Bedeutung gegenüber dem
Spiel gegen Ungarn bekommen. [...] das Hauptaugenmerk wäre
dabei darauf gerichtet für dieses zweite Spiel gegen
die Türkei unsere beste Mannschaft, und diese ausgeruht
und kampfstark, an den Start zu bringen [...]."
Tatsächlich
ging seine Taktik auf:
Vorrunde
- Begegnung Gruppe 2:
| Deutschland
|
Türkei |
4 : 1 |
| Ungarn |
Südkorea |
9 : 0 |
| Ungarn |
Deutschland |
8 : 3 |
| Türkei |
Südkorea |
7 : 0 |
Entscheidungsspiel
um Platz 2: Deutschland vs. Türkei 7 : 2
Abschlußtabelle Gruppe 2:
| 1. |
Ungarn |
17:3 |
4:0
|
| 2. |
Deutschland |
7:9 |
2:2
|
| 3. |
Türkei
|
8:4 |
2:2 |
| 4. |
Südkorea |
0:16 |
0:4
|
Somit stand
Deutschland im Viertelfinale, bezwang dort Jugoslawien mit
2:0, gelangte ins Halbfinale, schlug dort Österreich
mit 6:1 und stand am 04. Juli als absoluter Außenseiter
im Endspiel, wo es wieder einmal auf den Favoriten Ungarn
traf. Ein Fußballkrimi nahm seinen
Lauf:
Das
Endspiel:
"Deutschland
im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft - das ist eine
Riesen- Sensation - das ist ein echtes Fußball-Wunder...",
eröffnete Reporter Herbert Zimmermann seine Radioreportage
vom Endspiel, "...es ist kein schöner, ein regnerischer
Tag. Auf den Tribünen verzieren Regenschirme und Zeitungen
die Häupter der Zuschauer."
Doch die
deutschen Schlachtenbummler störte dies kaum: "Fritz-
Walter- Wetter" bedeutet der Regen, denn Fritz Walter
konnte seit seiner Malaria-Erkrankung während des Krieges
keine Hitze mehr vertragen und liebte es, wenn es feucht und
kühl draußen war. Dann konnte er zu wahrer Höchstform
auflaufen. Obwohl der Tag des Endspiels mit strahlendem Sonnenschein
begann, öffnete der Himmel kurz vor dem entscheidenden
Spiel seine Schleusen.
Dennoch:
die Vorzeichen standen schlecht. 3:8 gegen Ungarn spielte
die deutsche Mannschaft in der Vorrunde (mit solch einer haushohen
Niederlage konnte auch er, der ja schon damit gerechnet hatte,
zu verlieren, sich nicht abfinden) und zu allem Übel
hatte Trainer Sepp Herberger vor Spielbeginn, nachdem er den
Rasen im Wankdorf-Stadion besichtigte, einen kleinen Autounfall.
Somit stand für die meisten Reporter fest, dass die Ungarn
auch diesmal wieder als Sieger vom Platz gehen würden.
Auch der
anfängliche Spielverlauf wies auf alles andere als auf
ein Wunder hin. Erwartungsgemäß ging die damals
weltbeste Mannschaft der Ungarn, oder um mit Herbert Zimmermann
zu sprechen: "die Pusta- Söhne" in Führung.
Ferenc Puskas - der "Major" - erzielte bereits in
der sechsten Spielminute die Führung, Czibor sorgte mit
dem 2:0 zwei Minuten später für deren Ausbau. "Was
wir befürchtet haben, ist eingetreten", so die traurige
Feststellung von Zimmermann. "Für die überaus
favorisierten Ungarn läuft alles nach Plan und auch der
neutrale Beobachter kann sich nicht des Eindruckes erwehren,
dass alles wie vorausgesehen laufen sollte."
Doch die
Mannschaft um Spielführer Fritz Walter spielt unbeeindruckt
weiter. Wiederum nur zwei Minuten später ist es soweit:
der Nürnberger Morlock schießt zum Anschlußtreffer
ein. Mit aller Kraft segelt er durch den Strafraum der Ungarn
und kann so dem Ball den Weg ins rechte Eck bereiten. "Gott
sei Dank! Es steht nur noch 2:1. Und das sollte uns Mut geben",
so der Kommentar Zimmermanns.
Die deutschen Angriffsbemühungen ebben nicht ab und finden
ihren Lohn in der achtzehnten Spielminute. Fritz Walter führt
einen Eckball aus, den Helmut Rahn, bei Rot-Weiß Essen
unter Vertrag, nach Direktabnahme in den Maschen des ungarischen
Tores versenkt. Die folgende angriffswelle der Ungarn bleibt
vorerst ohne Erfolg.
In der zweiten Halbzeit das gewohnte Bild: Favorit Ungarn
kam ein ums andere Mal gefährlich vor das deutsche Tor.
Doch der Düsseldorfer Fortune Anton ("Toni")
Turek hatte einen guten Tag. Kein Schuss erreichte das von
den Ungarn gewünschte Ziel. "Teufelskerl" und
"Fußballgott" wurden in diesen Minuten neue
Beinamen Tureks. Zimmermann war außer Rand und Band.
Doch die Angriffe der Ungarn wollten kein Ende nehmen. Sie
waren drückend, überlegen und die erneute Führung
schien logische Konsequenz des Spielverlaufs zu sein. Zimmermann
forderte seine Hörerschaft zu Hause vor den Radioapparaten
auf, die Daumen zu drücken - "auch wenn Sie sie
zerdrücken".
"Unaufhörlich prasselt der Regen hernieder."
Die Ungarn hatten ihre Angriffsbemühungen längst
nicht eingestellt. Sechs Minuten vor Spielende sah Reporter
Zimmermann immer wieder den rechten Läufer der Ungarn.
Dann folgten die Worte, die schon hundertfach zitiert wurden:
"Bozsik, immer wieder Bozsik, der rechte Läufer
der Ungarn, hat den Ball verloren, diesmal an Schäfer.
Schäfer nach innen geflankt. Kopfball - abgewehrt. Aus
dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt...
Toooor! Toooor! Toooor! Toooor!" Die 84. Spielminute.
Das Spiel hatte sich unerwartet gewendet - nun führte
Außenseiter Deutschland.
"Drei zu zwei führt Deutschland fünf Minuten
vor dem Spielende. Halten Sie mich für verrückt,
halten Sie mich für übergeschnappt. Ich glaube,
auch Fußball-Laien sollten ein Herz haben und sollten
sich an der Begeisterung unserer Mannschaft und an unserer
eigenen Begeisterung mitfreuen und sollten jetzt Daumen halten.
Viereinhalb Minuten Daumen halten in Wankdorf. Drei zu zwei
führt Deutschland nach dem Linksschuß von Rahn,
der flach im linken Eck einschlug [...] Drei zu zwei für
Ungarn - für Deutschland - ich bin auch schon verrückt,
Entschuldigung! [...] Und die Ungarn, wie von der Tarantel
gestochen, lauern die Pusta- Söhne, drehen jetzt den
siebten oder zwölften Gang auf, Und Kocsis flankt - Puskas
abseits - Schuss - aber nein, kein Tor! Kein Tor! Kein Tor!
Puskas abseits."
Und dann
die erlösenden Worte: "Aus! Aus! Aus! Das Spiel
ist aus! Deutschland ist Weltmeister. Schlägt Ungarn
mit drei zu zwo Toren im Finale in Bern."
Bewertung
des Sieges:
Der Sieg von Bern ging in die Geschichte ein.
Es war nicht nur das erste Mal, dass Deutschland Fußball-Weltmeister
wurde. Vor allen Dingen verhalf er den Deutschen damit zu
neuem Selbstbewußtsein, auch wenn das Ausland (zu Recht)
das Gebaren der begeisterten Menschenmassen zunächst
skeptisch beäugte. Zu gut erinnerten sich alle noch an
die ausgestreckten Arme einer im Gleichschritt gehenden braunen
Masse.
Der verlorene Krieg, vor allem aber die Schande, die das nationalsozialistische
Regime mit all seinen Greueltaten dem deutschen Volk auferlegt
hatte und die suksessive im Laufe der Jahre aufgedeckt wurden,
sorgte dafür, dass das Selbstbewußtsein einer ganzen
Nation zutiefst erschüttert war. Doch jetzt gab es endlich
wieder etwas, an dem sich die Menschen aufrichten konnten.
Zum ersten
Mal hieß es: "Wir sind wieder wer", und vielfach
wurde sogar dem Sieg auch die eigentliche Geburtsstunde der
Bundesrepublik zugeschrieben. Sepp
Herberger avancierte zum Gründervater.
Und obwohl
der Bundestrainer noch während der Weltmeisterschaft
nach Strich und Faden gescholten wurde - mit solch einer Mannschaft
anzutreten, die viel zu alt wäre und kaum einen Blumentopf
gewinnen könnte, wäre ein glatter Hohn - sah danach
alles plötzlich ganz anders aus.
Sepp Herberger erhielt zahlreiche Zuschriften, Glückwünsche,
ja sogar Entschuldigungen, von Menschen, die ihn all die Jahre
zuvor regelrecht verteufelt hatten.
Ein Studienrat schrieb an ihn: "... In diesem Augenblick
wurde mir eigentlich erst richtig bewusst, dass Sie mit Ihrer
Arbeit tatsächlich mehr für das Ansehen Deutschlands
getan haben, als es mit vielen gönnerhaft überreichten
Entwicklungshilfeschecks geschehen konnte: Das Ansehen eines
Volkes wird geprägt durch die bewunderte Leistung von
Persönlichkeiten, die es repräsentieren..."
Der Sieg
hallt noch lange nach. Es sollten noch einige Teilnahmen einer
deutschen Mannschaft an einer Weltmeisterschaft folgen und
noch zweimal sollte der Gewinnerpokal nach Deutschland gehen,
aber der Sieg der Mannschaft am 04. Juli 1954 bleibt bis heute
unvergessen.
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